Kunden nach Fleischskandal: „Ich kaufe kein Hühnchen mehr“

Lidl steht wegen Tierquälerei in einem Mastbetrieb in der Kritik. Tierschützer weisen Kunden vor einer Filiale darauf hin – die reagieren schockiert.

Einen Fan hat das riesige Huhn schnell gefunden. Die zweijährige Maria steht erst in respektvollem Abstand davor und starrt nach oben. Dann traut sie sich, macht ein paar Schritte, vergräbt ihre kleinen Hände im weißen Gefieder des Huhns und lacht.

Zur Kinderbespaßung ist das Huhn an diesem Donnerstagmittag aber eigentlich nicht hier, vor einer Lidl-Filiale in Berlin-Mitte. Im Hühnerkostüm steckt eine Tierschützerin. Auf dem Schild, das sie vor sich hält, steht „Lidl quält mich“. Daneben stehen weitere Aktivistinnen und Aktivisten, die Fotos von gequälten, eng zusammengepferchten Hühnern hochhalten.

Fleischskandal bei Lidl: Strafanzeige gegen Mastbetrieb

Hintergrund der Aktion: Der Skandal um mögliche Tierquälerei bei einem Hühnchen-Mastbetrieb, der Fleisch für Lidl produziert. Tierschutzorganisationen hatten heimlich aufgenommene Videos aus dem niedersächsischen Betrieb veröffentlicht. In den Clips sind viele kranke, sterbende und bereits verwesende Hühner zu sehen, die unter dem eigenen Körpergewicht leiden.

Gegen den Mastbetrieb wurde inzwischen Strafanzeige erstattet . „Lidl spricht sich in aller Deutlichkeit gegen Tierquälerei aus“, teilte das Unternehmen am Dienstag auf t-online-Anfrage mit. Man habe den Lieferanten, der auch andere Marktteilnehmer beliefere, um Stellungnahme gebeten und eine unabhängige Prüfung durch externe Sachverständige veranlasst.

Viel Zuspruch für die Protestaktion

Die Aktivistinnen und Aktivisten der Tierschutzorganisation Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt zeigen die Videoaufnahmen auch den Kundinnen und Kunden vor der Lidl-Filiale in Mitte. Außerdem verteilen sie Flyer im Stil eines Lidl-Werbeprospekts, in dem über die Missstände aufgeklärt wird.

Maria sitzt mittlerweile auf den Schultern ihres Vaters Thomas. Die beiden warten auf Mutter und Schwester, die gerade im Laden einkaufen. „Ich finde die Aktion sehr gut, weil ich das bisher nicht mitbekommen habe“, sagt er. Er und seine Frau achteten darauf, möglichst kein Fleisch aus schlechter Haltung zu kaufen, sagt er. „Und weil man es nicht so genau weiß, kaufen wir auch immer weniger Fleisch.“ Er finde es gut, dass die Supermärkte mittlerweile zumindest ein Tierwohllabel nutzen. „Wenn wir etwas kaufen, dann mindestens Stufe drei“, sagt er.

Einige Lidl-Kunden eilen hastig vorüber, viele bleiben aber auch stehen und hören sich interessiert an, was die Tierschützer zu erzählen haben. „Das ist ja grauenvoll“, sagt Isabel de Smet, die ganz in der Nähe wohnt und fast täglich bei diesem Lidl einkauft. Ausführlich lässt sie sich von einer Aktivistin über den Fleischskandal aufklären. „Ich kaufe bis auf Weiteres kein Hühnchen mehr. Und Eier auch nicht“, sagt sie danach. Und sie glaube, dass viele ähnlich handeln, wenn sie diese Bilder sehen. Als Verbraucherin finde sie es schwer, herauszufinden, was genau hinter den Produkten steckt, die im Supermarktregal liegen. Umso wichtiger seien Tierschutzorganisationen, die aufklärten.

„Es geht uns nicht um den einzelnen Mastbetrieb, das Problem ist systematisch“, sagt Diana von Webel. Sie ist bei der Albert Schweitzer Stiftung für Kommunikation zuständig. Man fordere von den Einzelhändlern, die Tierschutzstandards zu erhöhen und der Europäischen Masthuhn-Initiative beizutreten. Diese sieht zum Beispiel weniger Tiere pro Quadratmeter, Sitzstangen, Tageslichtzufuhr und begrenzte Züchtung zur starken Gewichtszunahme vor. „Die Politik ist zu langsam, deshalb nehmen wir die Einzelhändler in die Pflicht“, sagt von Webel.

„Sucht euch mal ’nen anständigen Job“

Nicht alle finden die Aktion gut. „Sucht euch mal ’nen anständigen Job“, raunt ein älterer Mann im Vorbeigehen. Ein anderer Mann läuft zwischen zwei Aktivistinnen hindurch, schlägt einer von ihnen ihr Schild aus der Hand und geht wortlos weiter. Die Frau, die sich als Belinda Grimm vorstellt, ist kurz perplex. „Was war denn sein Problem?“

Dann versucht sie aber, das Positive in negativen Reaktionen zu sehen. „Das zeigt, dass es was in den Menschen auslöst, wenn sie damit konfrontiert werden. Man kann es nicht mehr verdrängen, wenn man das sieht.“ Dumme Sprüche müsse sie sich öfter anhören, sagt die Freiwillige, die als Lehrerin arbeitet. Aber das motiviere sie nur, weiterzumachen. „Ich finde es wichtig, dass Menschen sich damit auseinandersetzen, was hier passiert“, sagt sie. Man könne niemanden bekehren, aber zum Nachdenken anregen.